Von Küssen und bedingungsloser Liebe
Mit Küssen hielt sich mein Neffe Joel, 5 Jahre alt, bereits von seinem 1. Lebensjahr an sehr zurück. Ich habe das außerordentlich bedauert, ich meine, wer küsst mich sonst?
Als Joel etwa 3,5 Jahre alt war haben wir festgestellt, dass seine Küsse käuflich sind. Da Joels Familie in einem 300-Seelen Dorf wohnt in dem es keinen einzigen Laden gibt, nicht einmal eine Bäckerei, gibt es Brötchen und ähnliche Köstlichkeiten nicht so häufig zum Wochenendfrühstück. Dementsprechend groß ist dann die Freude wenn der Papi an einem Samstag zu Hause ist und zum Bäcker fährt. Als nun Joels Papi an einem Samstagmorgen mit der Brötchentüte das Wohnzimmer betrat in dem Joel gerade spielte, fiel der Junge vor Begeisterung seinem Papi um den Hals und gab ihm einen dicken Kuss mit dem Kommentar: "Ich hab' Dich so lieb, weil Du Brötchen gekauft hast".
Auch Joels kleine Schwester Alina (damals 2 Jahre alt) weiß ihren Charme schon sehr gezielt einzusetzen. Eines Morgens, die Familie befand sich auf einer Reise, wachte Alina in ihrem Reisebettchen auf und wollte gerne herausgeholt werden. Die Mama war bereits aufgestanden um mit Joel zu spielen, damit dieser nicht alle Hausbewohner aufweckt. Der Papi jedoch schlief noch tief und vor allem gerne in seinem Bett. Da flötete Alina ganz sanft: "Papi, Du bist lieb". Der Papi stöhnte im Halbschlaf leise auf. Alina setzte nach: "Papi, Du bist der liebste Papi von der ganzen Welt". Papi öffnete langsam die Augen. Alina: "Du Papi, ich bin jetzt wach". Papi streckte sich einmal, stand auf und hob Alina aus dem Bettchen. Sie verteilte warme feuchte Küsse über Papis Gesicht.
Wir Erwachsenen setzen unsere "Ich liebe Dich, wenn ..."-Techniken natürlich viel subtiler ein. Manchmal entsteht daraus auch eine (Lebens)Einstellung, die wir oft unbewusst auf Gott übertragen. Ich kenne das aus meinem Leben. Gerade in den letzten 10 Monaten hatte ich oft genug Gelegenheit die Motive meiner Beziehung zu Gott zu überprüfen:
Glaube ich noch an die Liebe meines himmlischen Vaters, wenn er meine Bitten über Monate hinweg nicht erhört? Wenn ich Woche für Woche um eine Arbeitsstelle bete und nur Absagen erhalte? Wenn Gott auf meine Fragen, warum das so ist und wie es weitergehen soll, schweigt?
Theoretisch bin ich von Gottes unendlicher Liebe zutiefst überzeugt, egal was in meinem Leben an sogenannten "Schicksalsschlägen" auf mich zukommt. Auch bin ich, wie ich glaube, so kampferprobt, dass mich ein oder zwei Tiefschläge nicht an Gottes Liebe zweifeln lassen. Was ist aber, wenn Schlag auf Schlag folgt, die Krise Monate oder sogar Jahre andauert und kein Land in Sicht ist? Dann kommt unweigerlich zu Tage, auf was oder wen ich meine Hoffnung gesetzt habe.
In dem Moment, wo ich meine Blicke wandern lasse und sehe, wie mancher Christ mit Gutem überschüttet wird, während mir eine Prüfung nach der andern auferlegt wird, gerate ich mächtig ins Wanken. Das Vergleichen kann mich zum Stürzen bringen und die Bitterkeit ist dann ganz schnell zur Stelle. Ich denke, Jesus hat nicht umsonst zu Petrus, auf dessen Frage nach dem Schicksal seines Mitbruders gesagt: "Was geht das Dich an...? Folge Du mir nach" (Joh. 21, 21+22).
Am Kreuz auf Golgatha hat Jesus mir seine grenzenlose Liebe gezeigt. Gott gab seinen einzigen Sohn Jesus Christus, damit ich ewiges Leben haben kann. In der Beziehung und Gemeinschaft mit Jesus bekommt mein Leben Sinn und Qualität, unabhängig von den Lebensumständen. Sobald ich mich Jesus zuwende, erfahre ich seine Liebe und Barmherzigkeit. Seine bedingungslose Liebe gibt meinem Leben Wert und Bedeutung, auch wenn ich arbeitslos bin, chronisch krank und mich zuweilen von Menschen vergessen fühle.
Für mich war es wichtig zu erkennen, dass ich von und aus Gottes Liebe leben kann, auch wenn sich die äußeren Umstände nicht ändern. Es war eine Mutprobe ohnegleichen, als eine Absage nach der anderen ins Haus flatterte, Existenzängste sich meiner bemächtigten, ich eine sehr schmerzhafte Gürtelrose bekam, dann eine heftige Depression und zum Schluss auch noch eine akute Entzündung im Rahmen Multiple Sklerose auftrat. Das alles innerhalb weniger Monate. In dieser Zeit konnte ich, sozusagen am lebenden Objekt einüben, an Gottes bedingungslose Liebe zu glauben. Und IHN bedingungslos zu lieben. Ich lernte, dass SEINE Gegenwart genügt. Dass ich glücklich und zufrieden leben kann, allein in und aus der Beziehung zu Jesus, auch wenn die äußeren Umstände so gar nicht meinen Wünschen und Erwartungen entsprechen. Mich darüber zu freuen, dass ER sieht und hört, auch wenn ER beschließt, die Situation nicht (unmittelbar) zu ändern.
Weil ich in Jesus bin, sagt Gott zu mir: "Du bist meine geliebte Tochter" (nach Eph. 1,5 und Kol. 3,12) und "Wer mich findet, der findet das Leben und erlangt Wohlgefallen vom Herrn" (Spr.8,35). Was brauche ich mehr?
Übrigens, im Moment sind in der Familie meines Neffen "Kuss-technisch" gesehen, bessere Zeiten angebrochen. Joel kann jetzt nämlich schon bis 19 zählen und um dies unter Beweis zu stellen, küsst er seine Mami jeden Morgen bevor er in den Kindergarten geht, 19 Mal!(Rose)