Ein Vater für alle Fälle

Die Kinder weinten laut und von Herzen ohne Rücksicht auf die Reisenden um sich herum, als sie ihren Papa am Flughafen in Stuttgart verabschiedeten. Dabei wussten Joel (4) und Alina (2), so hießen die Kinder, dass ihr Papa in sechs Tagen wieder zurück kommen würde. Doch zum vollkommenen Glück für Joel und Alina gehört eben, dass Papa zu Hause ist. Ich weiß nicht mit welchen Angeboten und Versprechungen Debora, die Mutter der Kinder, ihren Nachwuchs aus dem Flughafengebäude gelockt hat. Glücklicherweise waren die Kinder in einem Alter, in dem sie beim Anblick von Schokolade, Eis oder Gummibärchen ihren Kummer schnell vergaßen, zumindest vorübergehend. Außerdem hatte Joel mit seinen vier Jahren schon begriffen, dass der Papa nach Hamburg geflogen war, weil er dort den erwachsenen Menschen vom Herrn Jesus erzählt. Und dieses "vom Herrn Jesus erzählen", das Predigen genannt wird, das möchte Joel später auch einmal tun. Dafür übt er jetzt schon. Ich liebe seine "Predigten", vor allem deshalb, weil sie meist nur zwei bis drei Minuten dauern, trotz Unterbrechungen. Während des Vortrags muss der "Prediger" immer wieder wütend und energisch eingreifen, nämlich dann, wenn seine kleine Schwester zum provisorischen Rednerpult rennt und dem Prediger respektlos und blitzschnell die "Notizen" entwendet. Das Geschrei ist dann stets groß, auf beiden Seiten des Pults!

Während der Papa der Kinder in Hamburg weilte besuchte ich die restliche Familie. Es war während des Frühstücks als Joel mit seiner Idee herausrückte. Er verkündete bestimmt: "Weil jetzt zwei Erwachsene im Haus sind machen wir es so: Also, Du Mama, Du bist jetzt unser Papa und Tante Rose ist unsere Mama. Dann habe ich wieder einen Papa".
Ich habe es nicht für möglich gehalten, aber der kleine Kerl zog das durch. Über das gesamte Wochenende nannte er seine Mama "Papa" und mich "Mama". Joel war glücklich – alles war so, wie es sein sollte. Er hat sich sein Leben gemäß seinen Bedürfnissen "zurechtgebogen".

An dieses Erlebnis musste ich während der zurückliegenden Bibeltage denken, als wir in der Gemeinde den Philipperbrief betrachteten. Vor allem die Verse 12 und 13 in Kapitel 4: "...Mir ist alles und jedes vertraut: beides, satt sein und hungern, beides, Überfluss haben und Mangel leiden; ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht".

Das sind starke Worte! Die Frage des Referenten: "Hängt Dein Glück von den (Lebens)umständen ab?", nicht minder. Darüber musste ich nachdenken. Im hier und jetzt, so ist es jedenfalls bei mir, geht es häufig nicht mehr um satt sein oder hungern, sondern vielmehr darum, wie ich mit Situationen umgehe die so gar nicht meinen Plänen und Vorstellungen entsprechen. Ich bin erwachsen und es hilft mir wenig mich in der Manier des 4-jährigen Joel in eine Phantasiewelt zu flüchten. Für mich zählt die Wirklichkeit, in der ich mich manchmal in Situationen wiederfinde, die ich mir nicht selbst ausgesucht habe. Es gibt Tage, da sehne ich mich nach einen Vater an meiner Seite, der sich für mich einsetzt. Ein Vater der mir Mut zuspricht und Rückendeckung gibt. Der mir hilft, in Lebenslagen, in denen ich „Mangel“ empfinde, dennoch fröhlich zu sein und in Dankbarkeit auf das Gute zu sehen. Denn das habe ich ebenfalls geschenkt bekommen, auch wenn das Leben nicht nach Plan verläuft, wenn ich nicht alles habe, was ich für wichtig erachte. Jesus will mein Vater sein der mir hilft, die Dinge im richtigen Verhältnis zu sehen. Welches Gewicht hat mein "Mangel" im Blick auf die Ewigkeit? Bietet mir meine persönliche Lebenslage vielleicht besondere Gelegenheiten Menschen auf den himmlischen Vater hinzuweisen? Wäre es nicht wunderbar, auf dem Weg zum Ziel noch Menschen an die Hand zu nehmen und mit nach Hause zu bringen?

Wie das zu schaffen ist? Es hängt alles von der Kraftquelle ab. Die Bibel nennt sie uns ganz deutlich: Die Beziehung zu Jesus ist die Tragkraft im Alltag. In Ihm habe ich einen Vater der mir Halt gibt und für mich sorgt, auch wenn der leibliche Vater vielleicht gerade in Hamburg ist.

(Rose)