Unikate aus GotTes Hand

Er strahlte als ich ihm sagte, er dürfe noch zu mir ins Bett schlüpfen. Blitzschnell lag mein 7-jähriger Neffe Joel neben mir im Bett. Es war nämlich ein sehr kalter Weihnachtsmorgen und das Haus meiner Eltern war buchstäblich bis unters Dach belegt mit Kindern, Schwiegerkinder und Enkeln. Joel und ich teilten uns das Dachzimmer das normalerweise als Büro dient. Früh am Morgen war mein Neffe frierend neben meinem Bett gestanden, von einem Fuß auf den andern gehüpft und hat mir mitgeteilt, dass er genau zehn Minuten früher aufgewacht war als ich. Er schob seinen Arm unter meinen Kopf, räkelte sich, seufzte wohlig und sagte unvermittelt: „Ich bin so froh, dass du noch so jung bist“. Ah – das war Balsam für meine Seele, die den vierzigsten Geburtstag vom Vorjahr noch immer nicht verkraftet hat. Ich kam jedoch nicht umhin Joel zu fragen, wie er denn jetzt auf so eine Idee gekommen ist. „Tja, weißt du“, sagte das Kind „die Großeltern sind schon so alt, dass man damit rechnen muss, dass sie jeden Tag sterben könnten. Sie könnten sogar heute noch sterben. Wenn sie sterben, dann bin ich ganz arg traurig. Deshalb ist es gut, dass du noch so jung bist, dann lebst du noch ganz lange“.

Mir ging vieles durch den Kopf als ich Joels Erklärung hörte. Erstens, meine Eltern sind gerade erst 70 Jahre alt geworden und können, so Gott will, noch lange leben. Zweitens, man stirbt nicht zwangsläufig der Reihe bzw. dem Altern nach. Ich überlegte einen kurzen Augenblick, ob ich meinen Neffen erzählen sollte, wie nahe ich gerade in diesem nun fast vergangenem Jahr dem Tod war. Zuerst hatte ich im März den Herzinfarkt bekommen und dann war es im Laufe des Jahres immer wieder zu Komplikationen gekommen. Ich hielt den Mund und dachte, Joel wird früh genug erfahren, dass das Leben oft nicht so verläuft, wie wir uns das oft vorstellen und wünschen. Manchmal läuft eine entscheidende Kleinigkeit schief und das Leben verläuft plötzlich in ganz anderen Bahnen. Manchmal jedoch sind es Tragödien die das Leben von heute auf morgen verändern. Ich kenne einige Menschen die davon berichten könnten.

Erst kürzlich hat mir meine ehemalige Klassenkameradin Karin geschrieben, wie sehr sie ihre Tochter Tatjana vermisst, die vor 11 Jahren gestorben war. „Jetzt wäre sie in dem Alter, in dem wir gemeinsam durch die Stadt bummeln könnten um einzukaufen oder uns gegenseitig die Haare färben würden“, schrieb Karin. Bis zum Tod ihrer 3-jährigen Tochter Tatjana, lief in Karins Leben das meiste nach ihren Vorstellungen. Sie heiratete, baute gemeinsam mit ihrem Mann ein Haus, bekam zwei gesunde Kinder. Zuerst Manuel, dann folgte zwei Jahre später Tatjana. Sie waren eine glückliche 4-köpfige Durchschnittsfamilie. Bis zu jenem Morgen als die 3-jährige Tatjana aufwachte und über Bauchschmerzen klagte. Karin ging vorsichtshalber mit ihrer Tochter zum Kinderarzt, der einen gewöhnlichen Magen-Darminfekt diagnostizierte und als Behandlung Tee mit Zwieback empfahl. Am Nachmittag wurde Tatjana bewusstlos und kam ins Krankenhaus. Dort bekam sie plötzlich hohes Fieber und die Ärzte sprachen von einer rätselhaften Viruserkrankung. In der Nacht starb das Kind, das am Tag zuvor anscheinend noch kerngesund war. Bis heute weiß niemand genau woran das Mädchen gestorben war, obwohl umfangreiche Untersuchungen durchgeführt wurden. Man nahm sogar Proben vom Boden des Spielplatzes, auf dem Tatjana in der Woche vor ihren Tod gespielt hatte. Nichts jedoch lieferte eine Erklärung für Tatjanas Tod.
Als ich ein Jahr später mit Karin am Grab ihrer Tochter stand, konnte ich auf ihre Fragen nach dem „Warum“ auch keine Antwort geben. Mir blieb einzig sie immer wieder an Jesus zu verweisen, der ihren Schmerz kennt.
Es gibt Menschen, die sehr schwere Lebensführungen erleben müssen. Das Leben ist oft so hart und ungerecht. Im Vergleich mit anderen Menschen komme ich mir sehr begünstigt vor. Trotzdem kenne auch ich dunkle Stunden, in denen ich von Fragen und Zweifeln geplagt werde. Im Dezember letzten Jahres hatte ich eine solche Stunde. Ich war zum sechsten Mal innerhalb eines Jahres im Krankenhaus. Mein Herz machte nach dem Infarkt erhebliche Probleme und die Ärzte verordneten mir viel Ruhe, was mir gar nicht passte. Ich hatte doch so viele Pläne. Ich fragte mich, weshalb ich diesen „blöden Herzinfarkt“ überhaupt bekommen musste, hätte die MS als Krankheitserfahrung nicht gereicht?

Ich griff nach meiner Bibel und entdeckte einen Vers, der mich ins Nachdenken brachte: „So stand das Volk von ferne, aber Mose nahte sich dem Dunkel, darinnen Gott war“ (2. Mose 20, 21). Gott IST bzw. WOHNT im Dunkeln!? Ich fragte mich, weshalb Gott, dessen Sohn das LICHT ist, im Dunkeln wohnt. Ein Gespräch mit meinem Pastor brachte Licht in die Sache. Das Gott im Dunkeln wohnt ist Bild dafür, dass ER geheimnisvoll ist, sein Handeln für uns so oft unverständlich ist bzw. im wahrsten Sinn des Wortes im Dunkeln liegt. In Römer 11, 33 werden Gottes Wege so beschrieben: „O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!“

In Jesaja wird für die Beziehung zwischen Gott und seinen Kindern das Bild des Töpfers gebraucht:

„Aber nun, Herr, du bist doch unser Vater! Wir sind Ton, du bist unser Töpfer, und wir alle sind deiner Hände Werk“ (Jesaja 64,7).

Der himmlische Vater möchte, wie jeder gute irdische Vater auch, nur das Beste für seine Kinder. Die Ansichten eines Kindes was es als das Beste für sein Leben hält, unterscheiden sich oft sehr von dem, was der Vater für gut befindet. Gott möchte uns formen, damit wir ein schönes und brauchbares Gefäß werden. Oft entspricht die von Gott ausgewählte Form nicht unseren Wünschen. Ich denke, es ist eine Frage des Vertrauens: „Glaube ich, dass Gott aus Krisenzeiten etwas Gutes entstehen lassen kann zu seiner Ehre? Vertraue ich ihm, auch wenn ich seine Wege so gar nicht verstehe?“

Ich finde es ist ein großer Trost zu wissen, dass ich Gottes Plan für mein Leben nicht verstehen kann oder gar verstehen muss und mich dennoch darauf verlassen darf, dass sein Plan aus einem liebenden Herzen kommt:

„Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung“ (Jeremia 29,11).

Diesem Gott können wir getrost die Verantwortung für unser Leben und das unserer Familien überlassen

(Rose)