Die Parole heißt Heimat
Es war ein eisig kalter Februarmorgen im Jahre 1944, als Klara am
Grab ihres einzigen Sohnes stand. Der kleine Karl, noch keine vier
Jahre alt, war an den Komplikationen einer Notoperation gestorben.
Es hatte sich eine große Menschenmenge auf dem Friedhof versammelt,
beinahe das ganze Dorf nahm Anteil an Klaras Schicksal.
Bis zuletzt hatte Klara gehofft, ihr Mann, der im zweiten Weltkrieg „dem Vaterland diente“, würde rechtzeitig zur Beerdigung ihres Kindes eintreffen. Er war zwar über den Tod seines Sohnes benachrichtigt worden, doch die Nachricht erreichte ihn so spät, dass er sein Heimatdorf nicht mehr rechtzeitig erreichte. Erschüttert stand er wenige Tage später vor dem frischen Grabhügel. So kam es, dass Klara mit ihrer 5-jährigen Tochter die Familie alleine vertreten musste. Natürlich war da noch die Verwandten, Klaras Geschwister, ihre Mutter, Stiefvater und Schwiegervater sowie die zahlreichen Tanten und Cousinen. Man hielt zusammen, damals in der „guten alten Zeit“, ganz besonders in Zeiten der Not. Dennoch konnte niemand der jungen Mutter die Trauer abnehmen und vermutlich ahnte auch niemand, wie verzweifelt sie war. Klara war eine starke Frau die über eine große Selbstbeherrschung verfügte, doch an diesem Tag kostete es sie alle Kraft, die Schultern zu straffen und mit festem Schritt den Heimweg anzutreten.
Jeden Morgen kostete es Klara unendlich viel Überwindung aufzustehen und die vielen Pflichten anzupacken. Die wenigen Urlaubstage ihres Mannes waren ein kleiner Lichtblick gewesen, doch sie waren schnell vorbei. Es blieb Klara nichts anderes übrig, als die Trauer in sich zu vergraben und tapfer weiter zu machen. So stand sie Tag für Tag auf, machte Feuer im Ofen, ging in den Stall um die Kühe zu melken, die Schweine und Hühner zu füttern und später das Frühstück für die Tochter und den Knecht zu bereiten. Ihre Tochter machte ihr Kummer, das kleine Mädchen vermisste ihren kleinen Bruder so sehr, dass sie das Essen verweigerte. Sie war schmal geworden und blass. Es kostete Klara viel Geduld und Zeit das kleine Mädchen immer wieder zum Essen zu nötigen.
Es wurde Frühling und Sommer. Klara verrichtete ihre Arbeit in Haus, Hof und Feld und arbeitete unentwegt um den Hof in Ordnung zu halten. Ihr blieb allein die Hoffnung, dass ihr Mann eines Tages, wenn dieser sinnlose Krieg einmal zu Ende war, wieder nach Hause kommen würde.
Dann kam der Herbst und ein scharfer Wind pfiff um das Haus. Die kleine Tochter begann zu husten. Klara kochte Hustentee und machte Brustwickel. Das Kind hustete allen Bemühungen zum Trotz. Klara kramte das letzte Bargeld hervor und ging mit ihrem einzigen Kind zum Arzt. Dieser diagnostizierte Scharlach im fortgeschrittenem Stadium und schickte die beiden sofort in die Kinderklinik nach Freiburg. Der Arzt kannte die Familie und wusste, dass Klara erst im Februar ihren Sohn verloren hatte. Nun befürchtete er, sie könnte in Kürze auch ihre Tochter verlieren, denn zu dieser Zeit gab es noch kein Antibiotikum, mit dem man diese hochansteckende Infektionskrankheit hätte bekämpfen können. Die kommenden Tage und Wochen verbrachte Klara im Fieberdelirium in der Klinik, während ihre Mutter beinahe pausenlos auf dem Hof schaffte. Für einen Besuch in der Stadt hatte sie keine Zeit, sie schickte stellvertretend ihren Schwiegervater, der im ersten Weltkrieg gekämpft hatte und nun zu alt war um erneut eingezogen zu werden. Er half seiner Schwiegertochter wann immer es seine Zeit zuließ, denn er musste nun den eigenen Hof bewirtschaften, da sein ältester Sohn ebenfalls im Krieg war.
Es wurde immer kälter. Klaras Finger waren steif, wenn sie frühmorgens das Holz für das Feuer aufschichtete. Schlimmer als die schmerzenden Finger war jedoch dieses beklemmende Gefühl in ihrer Brust, das jeden Tag stärker wurde. Klara fand kaum noch Kraft, sich Tag für Tag aufzuraffen. So verging ein Novembertag nach dem anderen.
Eines Morgens kam eine von Klaras Cousinen vorbei. Sie war auf dem Weg nach Freiburg, wo sie auf den Markt wollte. Die Cousine fragte, ob Klara etwas aus der Stadt bräuchte. Klara spürte einen heftigen Stich in der Brust als sie an ihr krankes Kind dachte, das dort im Krankenhaus lag. Plötzlich wusste Klara, was zu tun war. Sie richtete sich entschlossen auf und sagte: „Bring mir mein Kind nach Hause. Ganz egal was der Arzt oder die Schwestern sagen, ich will heute Abend mein Kind wieder haben“. Die Frauen schauten sich an und die Cousine wusste Bescheid. Die Bestimmtheit in Klaras Blick duldete keinen Widerspruch. Klaras Kampfgeist war zurückgekehrt.
Es war bereits Montagnachmittag geworden und die Cousine stritt sich immer noch mit der Oberschwester auf der Kinderstation. Der Arzt hatte bereits kapituliert vor dieser großgewachsenen resoluten Bäuerin mit dem breiten Dialekt, den er nur bruchstückhaft verstand. Vielleicht war es auch gut, dass sie kaum etwas verstanden von dem, was die Frau in ihrer Erregung von sich gab. Die Cousine dagegen, hatte sehr wohl verstanden, dass Klaras kleine Tochter noch zu krank und schwach war, um entlassen zu werden. Zudem war das Kind immer noch hochinfektiös und es waren bereits genügend Kinder gestorben, ohne dass man noch eine weitere „Infektionsquelle“ in die Dörfer zu schicken brauchte. Außerdem hatte das Kind noch keine Kleider, die waren immer noch im Keller in der Desinfektionsabteilung. Doch Klara wäre nicht Klara gewesen, hätte sie nicht vorgesorgt. Sie hatte ihrer Cousine einen Wintermantel und Sicherheitsnadeln mitgegeben. Als die Cousine von den Diskussionen genug hatte, stürmte sie in den Krankensaal, setzte Klaras kleines Mädchen auf den Bettrand und zog ihr den Mantel über das dünne Nachthemd. Mit den Sicherheitsnadeln steckte sie die vielen Zentimeter Nachthemd hoch, die unter dem Mantelsaum hervorschauten. Dann nahm sie das Kind auf den Arm und marschierte, ungeachtet des Aufruhrs den sie verursachte, zur Türe hinaus. Weiter ging es Richtung Bahnhof, dort stiegen sie in den Zug und schließlich waren sie Abends endlich im Dorf angekommen.
In der Zwischenzeit hatte Klara das Schlafzimmer nahezu leergeräumt und als Isolierzimmer vorbereitet. Glücklich und besorgt zugleich, schloss sie an diesem Abend ihre beängstigend schmal gewordene Tochter in die Arme. Sie dankte in ihrem Herzen einem Gott, an den sie nicht glaubte, dass sie ihr Kind wieder hatte. Die Cousine ging nach vollendeter Mission zufrieden nach Hause.
Klara blieb, ganz gegen ihre Gewohnheit, am Bett ihres Kindes sitzen bis es eingeschlafen war. Dann setzte sie sich in die Küche und nahm sich die Flickwäsche vor. Bis tief in die Nacht stopfte und strickte sie. Plötzlich heulten die Sirenen. Fliegeralarm. Es war die Nacht vom 27. auf den 28. November 1944. In den frühen Morgenstunden erfolgte der Großangriff auf Freiburg und die feindlichen Flieger zerstörten einen Großteil der Stadt. Auch das Kinderkrankenhaus, in dem Klaras Tochter wenige Stunden zuvor noch gelegen hatte, wurde dem Erdboden gleichgemacht. Kein einziges Kind hatte im Luftschutzkeller des Krankenhauses überlebt. So entsetzlich diese Katastrophe auch war, Klara war unendlich glücklich, dass ihre Tochter lebte. Unter der mütterlichen Pflege genas das kleine Mädchen und wenige Wochen später konnte es schon wieder in den Kindergarten. Das Schlafzimmer wurde neu getüncht um die letzten Krankheitserreger zu vernichten.
Es folgten noch schwere Kriegstage und Klara kämpfte tapfer weiter. Es gäbe einiges zu erzählen von ihren Heldentaten, doch ich will mich auf das Wesentliche konzentrieren.
Als dieser unsagbar schreckliche Krieg endlich zu Ende war, wartete Klara auf die Heimkehr ihres Mannes. Klara konnte sich glücklich schätzen, dass ihr Mann bereits Ende 1945 aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wurde. Nicht viele Frauen bekamen ihren Mann so schnell zurück, wenn überhaupt. Ein Jahr später wurde eine weitere Tochter geboren. Langsam kehrte der Alltag zurück. Nach zwei weiteren Jahren fand im Nachbardorf eine Zeltmission statt. Klara fuhr eines Abends hin und besuchte die Veranstaltung. Anschließend traf sie die wichtigste Entscheidung ihres Lebens: Sie übergab ihr Leben Jesus. Von nun an glaubte und vertraute sie dem Gott, der seinen einzigen Sohn auf die Welt sandte, damit alle die an ihn glauben, das ewige Leben haben können. Wenige Tage später, bekehrte sich auch ihr Mann Karl. Nun hielt ein neuer Geist Einzug in Haus und Hof. Die Bibel wurde zum täglich benutzten Handbuch. Klara hielt mit ihrem Glauben nicht hinterm Berg. Wann immer sich eine Gelegenheit bot, missionierte sie Nachbarn und Freunde.
Die beiden Töchter wuchsen heran und eines Tages durchstöberten sie den Dachboden. Sie fanden einen kleinen Holzkoffer. Die Ältere erinnerte sich deutlich daran, dass dies der Koffer war, den ihr Vater in der Hand trug als er aus der Gefangenschaft zurückkehrte. Neugierig geworden, öffneten die Mädchen den Koffer, den ihr Vater in der Gefangenschaft aus Holzresten selbst geschreinert hatte. In der Innenseite des Deckels stand, fein säuberlich eingeschnitzt: „Parole heißt Heimat“.
Als die älteste Tochter sechzehn Jahre alt war, wurde Karl und Klara noch ein Sohn geboren. Die ganze Verwandtschaft freute sich mit der Familie und die beiden Mädchen umsorgten und verwöhnten ihren kleinen Bruder sehr.
Viele Jahre später sollte die „Parole Heimat“ für Karl und Klara nochmals bedeutend werden. Als Karl wochenlang schwere Schmerzen ertragen musste bevor er starb, klammerte er sich an die Hoffnung, dass er in der himmlischen Heimat bald seinen HERRN sehen durfte, an den er geglaubt hat. Klara stand nun wieder vor einem Grab eines Familienmitglieds, doch diesmal nicht alleine. Sie hatte nun Gott zur Seite und die Gewissheit, dass sie ihren Mann in der Ewigkeit wiedersehen wird. Es war nur ein Abschied auf Zeit. Vier Jahre später starb auch Klara im Alter von 84 Jahren. An ihrem Todestag stand folgender Bibelvers im Losungsbuch: „Er wird mich ans Licht bringen, dass ich seine Gnade schaue“ (Micha 7, 9).
Karl und Klara dürfen nun schon einige Jahre schauen was sie geglaubt haben und ich freue mich schon darauf, sie in der Ewigkeit wiederzusehen. Karl und Klara waren meine Großeltern. Hätte Gott an jenem 27. November 1944 meiner Großmutter nicht die Eingebung gegeben, die Cousine zu bitten, ihre Tochter aus dem Krankenhaus zu holen, dann wäre diese Geschichte so nie geschrieben worden. Ich bin die Tochter des damals kleinen, an Scharlach erkrankten Mädchens. Als ich ein Kind war und meine Mutter einmal schwer erkrankte, lebte ich für einige Monate bei meinen Großeltern. Ich betrachte es als Privileg, dass ich meine Großeltern kennen lernen und ihren gelebten Glauben selbst sehen und spüren durfte. Für meinen Lebensweg gab mir meine Großmutter Klara den Vers aus Hebräer 12, 2 mit: „Lasset uns aufsehen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens“. Das ist wahrhaftig eine „Parole“ die bis in die Heimat durchträgt
(Rose)