Vom Vertrauen in Gott und Kreditkarten
Joel (6 Jahre alt) verbrachte fünf Tage lang wunderbare Ferien bei Tante Christa. Am liebsten spielte er im großen Hof des ehemaligen Bauernhofes. An jenem sonnigen Nachmittag drehte er mit dem roten Kindertraktor seine Runden. Nun wollte er den Anhänger anschließen, doch es klappte nicht so, wie Joel es sich vorgestellt hatte. Er wurde wütend. Da beschwichtigte ihn Josa, der 17-jährige Sohn von Tante Christa: "Mensch Joel, nun mache es doch so wie ich es Dir gezeigt habe. Ich kenne mich damit aus, nun vertrau' mir doch". Joel antwortete prompt: "Nein, das geht nicht. Ich vertraue niemanden außer Gott".
Ich musste schmunzeln als mir diese Episode meines Neffen berichtet wurde. Das war so typisch Joel. Was er einmal gelernt hatte das zog er durch, ohne sich durch die Umstände oder die aktuelle Situation durcheinander bringen zu lassen. Manchmal wünschte ich mir, ich hätte da ein wenig von dieser Eigenschaft. Gerade in Sachen Vertrauen. Natürlich zögere ich keinen Augenblick zu sagen, dass ich Gott vertraue. Von Gottes Treue und Zuverlässigkeit bin ich überzeugt, seit ich vor über 20 Jahren mein Leben bewusst unter die Führung Gottes gestellt habe. Mein Vertrauen ihn Gott wurde in den zurückliegenden Jahren oft auf die Probe gestellt: Durch eine gravierende Diagnose, Arbeitslosigkeit, tragische Todesfälle in der Familie, Lebensführungen die ich schwer verstehen konnte und so manches mehr. Doch Gott hat sich als zuverlässig erwiesen, auch wenn seine Hilfe oft nicht so aussah wie ich sie mir vorgestellt oder manchmal auch gewünscht hatte. Doch dann kam der Tag an dem mir mit bewusst wurde, dass mein Vertrauen in Gott immer wieder neu auf die Probe gestellt werden kann und ich dabei gelegentlich eine ziemlich schlechte Figur abgebe.
Es war in Mailand. Ich hatte einen günstigen Flug ergattert und wollte mir drei Tage lang die Stadt ansehen. Auf dem Weg vom Flughafen ins Hotel wurde mir die Geldbörse gestohlen, ohne dass ich es bemerkt habe. Erst im Restaurant als ich mein Mittagessen bezahlen wollte, bemerkte ich den Diebstahl. Der Schreck war groß, die Verlegenheit ebenfalls. Glücklicherweise hatte ich das Hotelzimmer im voraus bezahlt, so konnte ich dort wenigstens problemlos einchecken. Vom Zimmer aus veranlasste ich sofort die Sperrung sämtlicher Geld- und Kreditkarten. Ich hatte dummerweise alle Zahlungsmittel in der Geldbörse gehabt. Nun stand ich in Mailand ohne einen einzigen Euro. Zu allem Unglück hatte ich bereits im Flugzeug Zahnschmerzen bekommen die sich nun verschlimmerten. Da stand ich nun in einem winzigen Zimmer mit hochrotem Kopf, ohne Geld in der Tasche, dafür umso mehr Wut und Ratlosigkeit. In dieser Situation wurde mir schmerzlich bewusst, dass mir das Vertrauen in Gott wesentlich leichter fällt, wenn in meiner Geldbörse eine oder zwei Kreditkarten stecken. Ich musste der Tatsache ins Auge sehen, dass mein Vertrauen in meine Kreditkarte viel zu groß ist, unangemessen groß. Über die Frage, wem ich nun mehr vertraute, Gott oder einer Kreditkarte wollte ich lieber nicht nachdenken.
Doch Gott war nicht beleidigt ob meines Kleinglaubens sondern half mir, in dieser für mich schrecklichen Situation klar zu denken und zu organisieren. Ich veranlasste einen Rückruf meines Bruders und konnte durch ihn alle anderen Karten sperren lassen. Dann erinnerte ich mich plötzlich an meine langjährige Autoversicherung mit Reiseschutz. Die Versicherung veranlasste, dass ich binnen zwei Stunden einen größeren Geldbetrag bei einer Bank abholen konnte, nachdem mir per SMS eine Code-Nummer übermittelt worden war. Nun hatte ich immerhin Geld für Mahlzeiten, die U-Bahn und für den Eintritt in die Museen. Doch für eine Zahnarztrechnung würde es wahrscheinlich nicht reichen. Die Urlaubsfreude wurde noch mehr getrübt durch den Anruf den ich abends bekam. Mein fürsorglicher Bruder teilte mir mit, dass Alitalia, die Fluggesellschaft mit der ich geflogen war, die Flughäfen in Süditalien bestreikte und andere Städte folgen sollten. Mein Rückflug war in Gefahr. Das war mir bei meinen zahlreichen Städtereisen noch nie passiert, doch schließlich war mir auch noch nie mein Geld abhanden gekommen. Es passte wieder einmal alles zusammen. Am nächsten morgen ging ich, anstatt ins Museum zum Bahnhof um mich nach einer Rückreisemöglichkeit per Bahn zu erkundigen. Doch die Bahn befand sich nun auch im Streik. Da besann ich mich wieder aufs Gottvertrauen, denn außer Gott waren mir nicht viele Ressourcen geblieben. Ich legte Gott meine Reisepläne hin und bat ihn die Verantwortung für mich, meinen Aufenthalt und die Rückreise zu übernehmen. Ungefähr zu diesem Zeitpunkt verschwanden die Zahnschmerzen und ich besuchte in den nächsten Tagen alle Museen die ich sehen wollte, fast ohne an den drohenden Streik zu denken. Es wurde nun nicht gerade der Traumurlaub, doch gemessen an den Umständen verbrachte ich eine schöne Zeit in Mailand. Am Rückreisetag flog Alitalia wie geplant und ich kam wohlgehalten zuhause an. Ich war um eine wichtige Erfahrung reicher geworden. Hätte ich mal eher Vers 8 aus Psalm 118 berücksichtigt:
"Es ist gut, auf den Herrn vertrauen und sich nicht verlassen auf Menschen" (Anm. d. Autorin: ... oder auf Zahlungsmittel.)
Meinem Neffen Joel wünsche ich, dass er in 35 Jahren immer noch sagt: „Ich vertraue niemanden außer Gott“. Mir und allen Lesern wünsche ich, dass Gott selbst den Vers aus Micha 7,7 in unsere Herzen schreibt: "Ich aber will auf den Herrn schauen und warten auf den Gott meines Heils; mein Gott wird mich erhören".
(Rose)