Das unerwünschte Geschenk
Seit November sprach der 5-jährige Joel von nichts anderem mehr als der „Arche Noah“. Bei einem Freund hatte er die „Arche Noah“ von Playmobil gesehen und wünschte sich fortan dieselbe zu Weihnachten. Das Videoband mit der Geschichte Noahs hatte Joel schon so oft gesehen, dass er lange Passagen daraus auswendig zitieren kann. Joels Mutter wurde es jedes Mal ganz mulmig, wenn ihr Sohn von der „Arche Noah“ sprach. Nicht, dass sie ihrem Sohn nicht gerne diesen Wunsch erfüllt hätte, nur zum diesjährigen Weihnachtsfest würde es nicht mehr klappen.
Wie die meisten anderen Kinder, hatte Joel im Lauf des Jahres viele Wünsche geäußert. Von April bis Oktober jedoch lag der „Bauernhof“, eine sehr schöne und vielfältige Spielmöglichkeiten bietende Miniaturausgabe eines Bauernhofes, konstant ganz oben auf der Wunschliste. Als sich die Großeltern dann bereits Ende Oktober nach den Weihnachtswünschen des Enkels erkundigten, gab die Tochter den „Bauernhof“ in Auftrag. Die anderen, zweitrangigen Wünsche, wurden in der Verwandtschaft aufgeteilt. Wohl dem, der eine große Verwandtschaft hat!
Bei einem Stadtbummel im Herbst sahen die Großeltern den „Bauernhof“ in einem Geschäft ausgestellt. Sie beschlossen, ihn sofort zu kaufen, das würde ihnen in der Adventszeit eine Fahrt in die Stadt ersparen. Wer konnte denn zu diesem Zeitpunkt schon ahnen, dass Joel, nachdem er sechs Monate lang von dem „Bauernhof“ geträumt hatte, so kurz vor Weihnachten seinen Wunsch ändern würde.
Joel war ein helles Bürschchen und sagte an einem Adventssamstag zu seiner Mutter: „Mama, Du weißt ja, dass man nicht lügen darf. Sage mir jetzt bitte, ob ich zu Weihnachten die „Arche Noah“ bekomme. Du musst nur „Ja“ oder „Nein“ sagen“. Zum Glück war Joels Mutter auch nicht auf den Kopf gefallen und antwortete: „Ab sofort beantworte ich keine Fragen zu Weihnachtsgeschenken mehr“. Da half auch keine noch so raffiniert gestellte Frage Joels.
Wie in jedem Jahr, verging die Adventszeit viel zu schnell und schon stand der Heilige Abend vor der Tür. Joels Eltern hofften, dass sich die Enttäuschung ihres Sohnes in Grenzen halten würde, wenn er die Arche Noah nicht bekam. Schließlich warteten auf ihn noch eine Menge anderer Geschenke von der umfangreichen Wunschliste.
Am Heiligen Abend ging die Familie wie gewohnt in den Gottesdienst in die Gemeinde. Die Kinder, die wie jedes Jahr ein gut einstudiertes Lied vortrugen, waren alle sehr aufgeregt. Ich bezweifle aber, dass ein Kind so aufgeregt war wie der kleine Joel. Auf der ganzen Heimfahrt zappelte er in seinem Kindersitz herum und auch sein Mund stand nicht still. Dann bereitete sich die Familie auf die Bescherung vor, zu der die Großeltern und andere Familienmitglieder erwartet wurden.
Als Joel die Spannung kaum noch ertragen konnte, trudelten die letzten Verwandten endlich ein und die Familie versammelte sich im Wohnzimmer. Natürlich durfte Joel seine Geschenke zuerst auspacken, schließlich wollte niemand riskieren, dass das Kind vor Neugier platzte. Als Joel das große Geschenk in dem farbenfrohen Geschenkpapier sorgfältig abtastete, stand ihm die Erwartung ins Gesicht geschrieben. Dann riss er die Verpackung blitzschnell auf und sah den Karton mit dem Bauernhof. Für einen Augenblick stockte ihm der Atem. Dann schluckte er tapfer und sagte mit erstickter Stimme: „Das habe ich mir zwar nicht gewünscht, aber jetzt behalte ich es eben“.
Als die Erwachsenen mit anderen Dingen beschäftigt waren, packte Joel seinen Bauernhof aus und stellte nacheinander alle Tiere in den Stall, stapelte das Heu auf dem Heuboden und stellte dem Bauern den Hofhund zur Seite. Dann begann er mit wachsender Begeisterung zu spielen. An den Weihnachtstagen saß er von früh bis spät auf dem Boden vor seinem Bauernhof und spielte mit Hingabe, zur großen Erleichterung seiner Eltern.
Es gibt schlimmeres im Leben als Geschenke die nicht gefallen. Auch wenn man im fünften Jahr in Folge Bettwäsche geschenkt bekommt die nicht ins Schlafzimmer passt oder mit Staubfängern der ganz kitschigen Art bedacht wird, sind das noch lange keine Gründe zu verzweifeln.
Der Verzweiflung nahe kam ich in dem Jahr, in dem ich aus heiterem Himmel und ohne jegliche Risikofaktoren zu haben, einen Herzinfarkt erlitt. Vor diesem einschneidenden Erlebnis lebte ich schon 15 Jahre mit der Diagnose Multiple Sklerose, hatte so manche unschöne Beziehung hinter mir und glaubte, meinen „Becher“ an Leid bereits ausgetrunken zu haben. In den 15 Jahren in denen ich mit der MS lebte, habe ich viel mit Gott erlebt und meine Beziehung zu ihm war kontinuierlich gewachsen. Ich habe gelernt, seine leise Stimme unter den lauten Stimmen im Alltagstrubel herauszuhören. Ich war, wie man so schön sagt, „mit Gott im reinen“. Aus meiner Sicht bestand keinerlei Anlass, mich mit einem Herzinfarkt „zu segnen“.
Am schönsten war die Zeit auf der Intensivstation, denn dank geringer Morphiumgaben, dämmerte ich so herrlich entspannt vor mich hin und mein Denkapparat war nur eingeschränkt funktionsfähig. Wie erholsam!
Schwer wurde es dann in der anschließenden Reha, als mir bewusst wurde, welche Konsequenzen der Herzinfarkt für mich hatte, dass ich fortan im Alltag noch mehr eingeschränkt sein würde als bisher. Da kam ich nicht umhin Gott zu fragen: „Musste das denn auch noch sein?“ Es hat einige Monate gedauert, bis ich mit Gott wieder klar kam. Behutsam zeigte ER mir, dass er mein Leben immer noch unter Kontrolle hatte.
Mit völlig anderen Augen las ich diese Woche die Geschichte von der Auferweckung des Lazarus in Johannes 11. Als Jesus von der schweren Krankheit seines Freundes Lazarus hörte, sagte er:
„Diese Krankheit ist nicht zum Tode, sondern zur Verherrlichung Gottes, damit der Sohn Gottes dadurch verherrlicht werde“ (Vers 4).
In Vers 5 wird beschrieben, dass Jesus ein Freund der Familie war und „Lazarus lieb hatte“. Jesus hat einem Freud eine schwere Krankheit, Todesangst und schließlich sogar den Tod zugemutet, damit er durch die anschließende Auferweckung von den Toten verherrlicht werden konnte. Dies konnte die leidgeprüfte Familie jedoch nicht ahnen. Dennoch verlor Lazarus’ Schwester Marta nicht das Vertrauen in Jesus. Sie ging ihm entgegen als sie hörte, dass er in der Nähe war und sagte: „Wärst Du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben. Aber auch jetzt weiß ich: Was du bittest von Gott, das wird dir Gott geben“ (Verse 21-22). Was für ein Glauben und Vertrauen sprechen aus ihren Worten, inmitten der großen Trauer.
Ich möchte wie Marta, Jesus alles zutrauen und ihm glauben, dass „mein unerwünschtes Geschenk“ einem höheren Zweck dient, ja vielleicht sogar Ewigkeitswert besitzt. Es ist schon viel gewonnen, wenn ein Christenmensch sagen kann: „Das habe ich mir zwar nicht gewünscht, aber jetzt nehme ich es eben an, weil es aus Gottes liebenden Händen kommt und weil ER mein Leben aus der himmlischen Perspektive sieht“.
(Rose)