Der Anruf

Der Anruf kam um 20.30 Uhr, kein guter Zeitpunkt um von mir einen Gefallen zu erbitten.
Ich bin bereits um 17.00 Uhr ausgepowert und oft unleidig. Der Anrufer war ein mir unbekannter Herr der auf Empfehlung eines Buchverlags anrief und mich schlicht fragte, ob ich willens sei, die Biographie seiner Mutter zu schreiben. Auf Nachfrage erfuhr ich Näheres von ihm:

Seine Eltern, in Siebenbürgen (Rumänien) aufgewachsen, haben 18 Kinder. Rosina, so heißt die Mutter, habe fast alleine die beachtliche Kinderschar großgezogen, denn der Vater war im Beruf engagiert und erkrankte später an offener Tuberkulose. Nicht, dass alleine die Größe der Kinderschar Herausforderung genug gewesen wäre, Rosina musste ihre Familie unter äußerst primitiven Umständen durchbringen.
Nachdem das junge Paar sich mit Hilfe der Eltern ein kleines Häuschen gebaut hatte, wohnte die wachsende Familie in zwei Zimmern mit Küche. Fließendes Wasser gab es viele Jahre lang nicht, Rosina schleppte den gesamten Wasserbedarf der Familie in Eimern in die Küche, nachdem sie es im Hof aus dem Brunnen gepumpt hatte. Die Wäsche hat sie von Hand gewaschen bis das 8. Kind geboren war. Dann bekam sie eine halbautomatische Waschmaschine. Gebadet wurden die Kinder in einem Holzzuber in der Küche, nachdem diese mit dem Holzherd beheizt worden war. Ein Badezimmer mit fließendem Wasser konnte erst nach der Geburt des 17. Kindes im Haus eingebaut werden. Elektroherd, Kühlschrank oder Tiefkühltruhe waren unbekannter Luxus. Ebenso gab es weder Stoff- noch Einwegwindeln zu kaufen, auf keine Baby- oder Kinderkleidung. All dies musste in Eigenarbeit hergestellt werden, dies erledigte Rosina nachts, wenn die Kinder in den Betten lagen, die Zimmer geputzt und die Wäsche gewaschen war.
Rosina war von Gott mit einer robusten Gesundheit gesegnet worden und bekam jeden Tag die Kraft die sie brauchte um ihre Großfamilie zu versorgen. Dennoch blieben Sorgen, Krankheiten, Arbeitslosigkeit, Geldnot und Erfahrungen mit dem Tod nicht aus. In ihrem ebenso schlichten wie authentischen Glauben breitete Rosina ihre Sorgen und Nöte stets vor Gott aus und vertraute felsenfest auf sein Eingreifen. Dieses hat sie dann in einzigartiger und wunderbarer Weise erfahren. Um eben diese Erfahrungen (die man oft auch als Wunder bezeichnen konnte) ging es dem Sohn. Er wollte, dass die Gotteserfahrungen seiner Mutter schriftlich festgehalten werden, damit die Geschichten in unserer schnelllebigen Zeit nicht verloren gehen.

Ich sagte zu und machte mich an die Arbeit. Es war eine schwere Geburt – doch im Januar  2007 ist das kleine Buch mit der Biographie von Rosina unter dem Titel „Ohne Pampers und Waschmaschine“ erschienen. Ich bin froh, dass ich die Anfrage - obwohl nach 17.00 Uhr gestellt - positiv beantwortet habe, denn Rosinas Geschichte hat mir Mut gemacht Gott öfter beim Wort zu nehmen.

(Rose)